Zur gewünschten Zeit am Leistungshöhepunkt

Nach der Saison ist vor der Saison: Turnierreiter kennen es alle – mit der Terminveröffentlichung für die folgende Showsaison kommen automatisch die Fragen: zu welchen Shows fahre ich? Wann ist die erste Show? Wann soll die Letzte sein? Was ist mein größtes Ziel in dieser Saison?

Mit der Beantwortung der gestellten Fragen beginnt der erste Schritt der Trainingsplanung, denn jede Trainingsplanung – unabhängig welche Sportart betrieben wird – beginnt mit der Festlegung von Kurz- und Langzeitzielen.

Neben der Zielsetzung sollte der momentane Leistungsstand deutlich gemacht werden, wobei sich Stärken und Schwächen zeigen, an denen gezielt trainiert wird. Ist mein Pferd komplett untrainiert? Wie sind die physischen Voraussetzungen? Wie ist der allgemeine Trainingszustand? Durch die anfängliche Festlegung des Ist-Standes und dem Vergleich mit dem Soll-Stand bzw. der Zielsetzung  lässt sich immer wieder der Leistungsfortschritt und aktuelle Leistungsstand deutlich machen.

Was ist Inhalt eines kompletten Trainingszyklus und der einzelnen Trainingsphasen?

  1. Vorbereitungsphase Grundlagentraining
  2. Spezialisierungsphase Manövertraining
  3. Saisonbeginn
  4. Saisonhöhepunkt
  5. Nachsaison aktive Erholung

   Folgende Inhalte sind für eine effektive Trainingsplanung festzulegen: Trainingsziele, -methoden, -inhalte, -mittel und -organisation. So wird jeder Trainingsplan für Pferd und Reiter individuell herausgearbeitet, um gewünschte Ziele bestmöglich umzusetzen.

In der Vorbereitungsphase werden die motorischen Grundfähigkeiten Kraft, Ausdauer und Koordination trainiert. Die Spezialisierungsphase ist zum einen durch Übungen gekennzeichnet, welche Voraussetzungen für das Zielmanöver darstellen, zum anderen durch das Manövertraining an sich.

Ziel ist es, dass das Pferd seine Leistung von Saisonbeginn bis zum Saisonhöhepunkt kontinuierlich steigert. Einige Schwachpunkte zeigen sich erst auf der Show, auf welche dann im Training reagiert werden kann. Daher sind “Trainingsturniere“ wichtiger Bestandteil des Trainings.

Egal ob Showpferd oder Freizeitpartner – viele Pferde gehen nach der Saison in eine Winterpause. Diese kann sich durch weniger Trainingsumfang, Trainingsintensität oder in komplett trainingsfreien Phasen äußern. Durch dieses Abtrainieren kommt es zu einer vollständigen Erholung von Muskel-, Skelett- sowie des Herz-Kreislauf- Systems und das Pferd ist nach der Winterpause regeneriert für eine neue, erfolgreiche Saison.

Langfristige Trainingsplanung zeichnet sich durch Regelmäßigkeit, Systematik und Nachhaltigkeit aus. Alle komplexe Sportarten, in denen Technik, Körper und Psyche geschult werden, benötigen mehrere Jahre, bis der Leistungshöhepunkt erreicht ist.

Mehr zu dem Thema Trainingsplanung, -periodisierung und eine Beispielplanung gibt es in der aktuellen Westernhorse 11/18 zum nachlesen.

Immer schön bei Laune halten

Ganz nach dem Motto „keep them happy“ den Trainingsalltag gestalten – wieso ist das so wichtig? Wieso ist das so entscheidend, um kontinuierlich Trainingserfolge zu erreichen?

Genau wie beim Menschen ist auch jedes Pferd in Bezug auf Arbeitseinstellung und Motivation sehr individuell. Da gibt es die Streber, die Rebellen, die „Ich mach nur das Nötigste – Kandidaten“, die Klassenclowns, die Ängstlichen, usw. Die einen „wollen immer gefallen“, während die anderen jedes Mal erneut „nachfragen“ – Eigenschaften, die zum Teil rassetypisch bedingt sind und in gewissem Maße beeinflussbar sind.

Pferde sind als individuelle Lerntypen anzusehen, man sollte auf verschiedene Lernwege eingehen, um bestmögliche Lernerfolge zu erhalten und ein zufriedenes, ausgeglichenes Pferd zu haben. Sich diesbezüglich immer wieder neu auf ein Pferd einzustellen und das Training anzupassen – ein Aspekt im Pferdetraining der sowohl anspruchsvoll ist, mich aber sehr fasziniert. Denn so lässt sich die gewollte (Arbeits)einstellung erarbeiten, um daraufhin das eigentliche Training bestmöglich aufzubauen.

Doch was ist essentiell, um sein Pferd bei Laune zu halten?

Trainingsausgleich schaffen. Dieser Ausgleich kann sehr unterschiedlich aussehen: mit einem meiner Pferde mache ich ein paar Gymnastiksprünge zum Ausgleich, mit einem anderen gehe ich eine entspannte Runde laufen und mit dem nächsten mache ich einen zackigen Ausritt – diese Ausgleiche können sich natürlich auch nach Tagesform unterscheiden.

Realistische Ziele setzen. Diese sollten logisch gewählt, erreichbar und messbar sein für Pferd und Mensch, was sowohl die zeitliche Komponente, als auch die Leistungskomponente an sich betrifft. Dieses Ziel muss sich nicht auf eine große Sache beschränken, es können Etappenziele in verschiedenen Bereichen gesetzt werden. Ein Beispiel dafür könnte sein: Ich möchte, dass sich mein Pferd besser verladen lässt; Ich möchte die Grundlagenausdauer verbessern; Ich möchte, dass mein Pferd versammelter angaloppiert und ich möchte in 7 Monaten mein erstes Turnier reiten. Ziele, welche sich wunderbar zusammen in einem Trainingsplan miteinander kombinieren lassen.

Ruhephasen mit einplanen. Diese sind entscheidend, damit das Pferd völlig regeneriert im nächsten Training neue Bestleistungen liefern kann – sowohl physisch und psychisch. (siehe letzter Blogpost „Sport studieren und Pferde trainieren“.)

Auf Trainingstiefs reagieren. Liegt es einfach an Unwilligkeit , oder steckt etwas anderes dahinter, dass mein Pferd leistungsschwächer ist. Dies kann beispielsweise Erschöpfung, falsche Fütterung, falsches Material, ua. sein, wodurch es zu Leistungsschwächen kommen kann.

Beim Menschen hört man immer wieder, dass Schlafen der Schlüssel zum Erfolg sei. Dies bedeutet beim Pferd, dass man sich darüber im Klaren sein sollte, wie gut es sich in der Haltungsweise erholen kann – ein Pferd, welches z.B. im Offenstall nie die Möglichkeit bekommt, stressfrei zu fressen, oder einen Liegeplatz zu bekommen, benötigt dann eine andere Lösung.

Unterforderung und Überforderung vermeiden. Hierzu eigenen sich Trainingspläne und -dokumentationen, um genau zu wissen, auf welchem Stand das Pferd beim letzten Training war und wo beim nächsten wieder angeknüpft wird.

Während der Showsaison versuche ich vermehrt auf Ausgleich, keine Überforderung, Ruhephasen und Entspannung zu achten. Speziell auf den großen Shows, die über mehrere Tage gehen und die Pferde in Boxen stehen ist es immer mein Ziel, dass das Pferd so wenig Zeit wie möglich in der Box verbringt. Spaziergänge, lockeres Longieren, Grasen lassen usw. ist dabei Pflicht, damit das Stresslevel so gering wie möglich und die Leistung so hoch wie möglich gehalten wird.

Man muss aus dem ganzen keine Wissenschaft machen, denn all‘ das ist eher Gefühlssache – auch auf Kleinigkeiten und Veränderungen im Verhalten achten, sich nach dem „Warum“ fragen und darauf reagieren.

Sport studieren und Pferde trainieren

Für mich definitiv nicht zwei unabhängig zueinanderstehende Dinge, sondern vielmehr (m)ein Konzept, welches beides miteinander verbindet.

Jeder Leistungssportler trainiert nach einem sehr spezifischen Trainingsplan, welcher jedes Training dokumentiert und steuert. Mittlerweile besitzen auch die meisten Hobbysportler einen Trainingscomputer / Fitnesstracker, wobei deutlich gemacht wird, welche Belastungsintensität im Training stattgefunden hat, wie lange die darauffolgende Regenerationszeit sein sollte, in welchem Pulsbereich man sich beim nächsten Training befinden sollte usw. Im menschlichen Sport wird immer mehr entwickelt, um die Leistungsfähigkeit und Gesundheit nachhaltig zu verbessern und aufrechtzuerhalten – Ziele, die für mich im Pferdetraining ebenfalls ganz oben stehen. Umso  unverständlicher ist es für mich, warum diese Aspekte im Pferdetraining so oft keine Beachtung finden. Für Pferde, die im Sport trainiert werden, sollte ein Trainingsplan selbstverständlich sein – zum einen, um einen Überblick über die Entwicklung zu erhalten und das Training dementsprechend anzupassen, zum anderen um bestmöglich auf gesetzte Kurz- und Langzeitziele hinarbeiten zu können.

Durch mein Sportstudium wird mir immer bewusster, wie entscheidend die richtige Trainingssteuerung ist – sowohl für den Menschen, als auch für das Pferd.

Ich meine welcher Turner turnt komplexe Übungen, ohne dementsprechend bemuskelt zu sein und gut ausgeprägte koordinative Fähigkeiten zu besitzen? Welcher Sprinter vollzieht seine Trainingseinheit ohne richtiges Warmup und anschließendes Cooldown?

Hierzu ein kleiner Exkurs in die Trainingslehre und ausgewählte Trainingsprinzipien: Für mich stellt der Begriff Regeneration – das Prinzip der optimalen Relation von Belastung und Erholung – einen sehr entscheidenden Parameter in Bezug auf Leistungsfähigkeit  dar. Der eigentliche Trainingserfolg findet nicht während sportlicher Belastung, sondern danach – während der Regeneration statt, da in dieser Zeit Mikroschäden repariert werden und sich der Organismus auf erneute Trainingsreize vorbereitet. Diese Trainingsreize müssen im folgenden Training so gewählt werden, dass sie eine individuelle  Schwelle überschreiten, um Leistungszuwachs hervorzurufen – Prinzip des trainingswirksamen Reizes.

Regeneration = Pause? Jein – denn Pause ist nicht gleich Pause. Es gibt sowohl passive, als auch aktive Regeneration, welche sich in kompletten Regenerationseinheiten äußern kann. Diese können individuell gestaltet werden, sollten aber in einer niedrigen Belastungsintensität gehalten werden und keine komplexen Bewegungsmuster umfassen – alles angepasst an den Trainingszustand und bisher erworbene Anpassung an äußere Gegebenheiten. Durch adäquate Regeneration wird die psychische und physische Grundeinstellung, Motivation und Ausgeglichenheit positiv beeinflusst, sie spielt also eine entscheidende Rolle was die Leistungsverbesserung angeht.

Im Sportstudium werde ich immer wieder mit komplexen Bewegungsmustern konfrontiert, die ich so vorher noch nie ausgeführt habe. Gerade dabei merke ich wie wichtig spezielle Muskeln für spezielle Übungen sind – wie wichtig und leistungsfördernd Krafttraining ist! Natürlich fällt es einem Pferd schwer versammelt anzugaloppieren, wenn die dafür benötigte Muskulatur nur schwach ausgeprägt ist. Kommen dann noch physischen Grundvoraussetzungen dazu, die dies nicht positiv unterstützen ist eine spezielle Vorbereitung umso wichtiger. Bei meinem Pony war dies der Fall und ich war erstaunt, wie schnell es zu großen Verbesserungen gekommen ist, nachdem ich gezielt an der Muskulatur gearbeitet habe. Ein Training der disziplinspezifische Muskeln ist Voraussetzung, um die Leistungsfähigkeit optimal steigern zu können und bestmögliche Trainingsergebnisse zu erzielen – oftmals sogar Voraussetzung, um eine Übung überhaupt korrekt ausführen zu können. Im menschlichen Training und im Pferdetraining!

Des Weiteren bestimmt die vorhandene Ausdauer darüber, wie schnell es im Training zum Ermüdungszustand kommt und wie lang die anschließende Regenerationszeit sein sollte. Ist diese gut trainiert, kann eine Trainingseinheit um einiges intensiver gestaltet werden und die Dauer verlängert werden.

Kraft, Ausdauer und Koordination zählen zu den motorischen Fähigkeiten, welche das Bewegungs- und Ausführungsniveau beeinflussen. Sie stehen in Wechselwirkung zueinander, sodass die Verbesserung in einem Bereich bedeutet, dass alle motorischen Fähigkeiten verbessert werden. Je besser diese Fähigkeiten trainiert sind, desto leichter fällt das Erlernen neuer Übungen – eine Tatsache, von der jeder Sportler profitiert!